Kassel
St. Martin
St. Martin in Kassel / ev.
offen
Zwei spitze Türme rufen in die Mitte der Altstadt. Ich trete ein und eine Wolke von Erbsensuppen-Duft schlägt mir entgegen. Das ist völlig neu - Weihrauch-Schwaden kenne und liebe ich ja, aber Erbsensuppen-Odeur ist was ganz Neues.
Schnell sehe ich, was hier los ist: die "Speisung der 5000"! Im gesamten Chorraum tummeln sich Menschen an und zwischen langen Tischen und essen. Gepaart mit einem "Heidenlärm" - und das in einer Kirche! Ob es sich hier um Heiden handelt, lasse ich mal dahingestellt. Kinder toben herum, spielen Fangen zwischen den Stühlen, Verstecken unter dem Altar und Aussichtsturm auf der Kanzel. Wirklich herrlich, wie sie ungezwungen auf ihre Weise mit dieser Kirche spielen. Ich muss sofort denken, dass ich ja eigentlich nichts anderes mache, nur eben auf meine Art.
Wie ich auf einem Plakat lese, war dies ein "Essen für alle", das auf dem Kirchpaltz geplant war. Wegen Regens wurde es kurzerhand in den Chorraum verlegt. Eine mutige Entscheidung mit allen Konsequenzen.
Dann ist das Essen beendet und viele Hände packen mit an, die Biertische und -bänke, das Geschirr und die Essenstöpfe mit allem dazugehörigen Krach aus der Kirche zu tragen. Ehrfürchtige Stille im sakralen Raum ist wie verflogen. Stattdessen ein Lebens- und Sozialraum.
Ich packe mein Cello erst aus, als es deutlich ruhiger geworden ist, will den Krach nicht noch vermehren. So stimme ich mich in den Übergang zur Stille ein. Eine alte Frau kommt mit einem riesigen Rucksack, stellt ihn ab und legt sich längs auf eine Bank. Obdachlose dürfen offensichtlich auch den Raum für sich nutzen.
Das Kirchenschiff ist hell und es gibt eine Orgel, die es in sich hat. Sie ist in verschiedenen Teilen über die Kirche verteilt, hat eine Vierteltontastatur, Elektronik und viele Raffinessen für experimentelle neue Musik.
Meine Musik will hier nicht so experimentell werden, mehr in die Ruhe gehen und so wandert sie in die Welt der künstlichen Flageoletts.