Spontan in Kirchen

Berlin - Charlottenburg

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

16.06.23
Breitscheidplatz, 10789 Berlin

Berlin - Charlottenburg

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Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche  /  ev.

offen

Der - gefühlte - Mittelpunkt des "alten" West-Berlins: Europa-Center und diese Kirche, dann war man in der damaligen Enklave angekommen.



Die Zerstörung und der Wiederaufbau, versinnbildlicht in dieser integrativen Architektur. Besonders der 8-eckige Innenraum, der im Auge des urbanen Wirbels mit seinen magischen Blau-Glas-Fenstern zum Runterfahren nicht nur einlädt, sondern geradezu ästhetisch zwingt. Genial!



Mit zahlreichen Touristen gleite ich durch den Eingangsschlund in das Halbdunkel des blauen Tempels. Menschen sitzen verteilt in stiller Besinnung.

Hier zu spielen bedarf einer gewissen Überwindung. Ermutigt durch positive Erfahrungen in vielen Kirchen und in dem Bewußtsein, dass hier auch immer wieder Konzerte stattfinden, suche ich mir im weniger besetzten Raum hinten links einen Stuhl, packe das Cello aus und lasse einfache und harmonische Motive subtil in dem magischen Blau aufgehen. So als gehörten sie selbstverständlich in die Stimmung und den Geist diesen Ortes. Niemand dreht sich um und ich bin mir sehr sicher, dass sich auch niemand gestört fühlt. Es ist geradezu das innere Ziel meines Spiels, niemanden in seiner Besinnung stören zu wollen. Sondern lediglich die Stille ertönen zu lassen.



Ich nehme wahr, dass sich einige Menschen in meine Nähe gesetzt haben, offenbar um den Tönen nah zu sein. 

Eine feine innere Erregung überkommt mich, ich könnte es fast als heiligen Moment beschreiben.

Dann sehe ich, wie ein Küster vorne an die großen Leuchter tritt und die Kerzen entzündet. Eine Andacht wird offensichtlich vorbereitet und ich beende mein Spiel. Der Künster hat mich aber noch wahrgenommen und kommt durch die Stuhlreihen auf mich zu: Was mir einfiele, hier einfach zu spielen, das ginge garnicht. Wenn hier jeder rumdudeln würde, wann es ihm passte, würden die Menschen, die hier zur Ruhe kommen wollten, ständig gestört. Hier würden sogar manchmal Chöre auftauchen, die einfach lossingen... 

Ich versuche ihm klar zu machen, dass mein Spiel zart und integrativ sei und vermutlich niemanden störe. Das lässt er aber nicht gelten. Ich sage, ich habe ja schon aufgehört und reiche ihm zur Versöhnung die Hand, die er dann auch annimmt. Daraufhin kommen einige Besucher auf mich zu und sagen, wie stimmig für sie die Cellotöne waren und dass diese ihre Gedanken und Gefühle vertieft hätten. Auch die Frau am Einlaß spricht mich beim Hinausgehen an und bedankt sich für die schöne Musik.

 

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