Projekte

ting II

01. - 03. September 1995

7 Konzerte an 7 Orten zu 7 Zeiten

auf Spiekeroog

 

ting II

ting II

Musik für eine Insel
Ein musikalisches LandArt- Projekt von Willem Schulz

Musik zu entwickeln, die Kontakt zu dem Moment hat, in dem sie erklingt, die eine ,,Stimmung" sucht zu dem Ganzen ihrer Umgebung und damit auch zu der Landschaft und Architektur des Ortes, ist mir seit langem ein Bedürfnis. Hierzu verhalf mir nach der Ausbildung in klassischer Musik vor allem die freie Improvisation. Diese Besinnung auf die eigene Intuition, Spontaneität und Formkraft führte geradlinig zur Einbeziehung der Atmosphäre eines Ortes und zu einer choreographischen Gestaltung der Musik. 10 Jahre ,,Erstes Improvisierendes Streichorchester" mit einer Vielzahl von Raumexperimenten ergaben einen reichen Erfahrungsschatz. Mehrere Inszenierungen von Stadt- und Landschaftsmusiken (,,gestrichen" (87), ,,Atem" (88), ,,Moment Mal" (89), in Osnabrück; ,,silva musica" (91) in Hildesheim; ,,Libelle" (91) in Wuppertal u.a.) waren Früchte dieser Arbeit.

ting I - Musik für 7 Orte in Osnabrück - wurde im September 94 uraufgeführt. Die dafür ausgewählten Orte hatten vorwiegend städtischen Charakter - eine stillgelegte Fabrikhalle, eine Bahnunterführung, der Platz der Alten Synagoge, u.a. Aber bereits hier ging es darum, das Wesen dieser Orte hörbar zu machen. Dazu gehörte z.B. auch in einen musi­kalischen Kontakt zu einem Baum oder einem Stein zu treten.

ting II ist die Konzentration auf die Beziehung Natur - Mensch - Kunst. Durch öffentliche Förderung für ein musikalisches LandArt- Projekt erhielt ich die Chance, mit meiner Musik weit in den ländlichen Raum zu gehen, dort wo normalerweise die experimentelle Kunst keinen ,,Nährboden" findet. Nach einigen Recherchen fiel die Wahl auf Spiekeroog, das in Bezug auf die Naturbelassenheit von Landschaften mit 86% an der bundesdeutschen Spitze steht. Die Offenheit von Kurverwaltung, Kirchen und der Hermann-Lietz-Schule für ein solch ungewöhnliches Kulturprojekt war unerwartet groß. So konnte die Konkretisierung beginnen.

Mit Hilfe von Insulanern und der eigenen Spürnase begann ich die Insel zu entdecken und entschied mich für 7 Orte, die mich als Musiker in besonderer Weise ansprachen. Hier ließ ich mich zu Musik inspirieren, die nach meinem Eindruck zu den einzelnen Plätzen ge­hörte. So entstand für jeden Ort eine eigene Komposition und Choreographie.

Die kreative Kraft des Menschen in Resonanz zu setzen zu den Gestaltungskräften der Natur, ist der Sinn dieses Projektes. Mit musikalischen Kompositionen herauszugehen aus dem Konzertsaal, hinein in vom Leben pulsierende - oder auch kranke und sterbende -Orte, eröffnet die Chance, neben den Zuhörern auch den Platzen selber musikalische Er­fahrung zu geben. Begreift man einen Ort als lebendiges Wesen, ebenso wie einen Baum oder das Meer, so kann der Mensch mit einer künstlerischen Aktion in einen wirklichen Austausch treten. Musik, die den Eigenarten, den feinstofflichen Stimmungen und Schwingungen, den Zeichen eines Ortes lauscht und sich dem Prinzip von Geben und Nehmen hingibt, kann zu neuer Erfahrung wie auch zu neuem künstlerischen Material führen.

Ein Beispiel für die Kommunikation mit der Natur in der Kompositionsweise ist die Ein­beziehung der Sandpartituren : Einen Abend ging ich erschöpft am Strand entlang. Mit einem Gefühl der Leere schaute ich nach unten. Da sah ich plötzlich ein Wellenrelief im Sand vor mir, das meiner musikalischen Vorstellung von Feldstrukturen ( die dem Ähnlichkeitsprinzip und nicht dem Gleichheitsprinzip folgen ) exakt entsprach. Ich wusste sofort : das ist eine fertige Partitur, ein Geschenk ! Ein paar Schritte weiter dann völlig andere Strukturen, monochrome oder auch mehrschichtige. Ich nahm den Fotoapparat heraus und sammelte davon eine Vielzahl für mein Notenmaterial. Erfüllt von glücklicher Finderenergie war mir gleich klar, wo ich es einsetzen würde.

Oder: Aus der Ferne erscheint ein Wald als eine amorphe grüne Einheit. Gehe ich hinein, sehe ich den einzelnen Baum in seiner Einzigartigkeit. Dieses spiegelt für mich die Möglichkeiten eines Orchesters: als einheitliche Masse, frontal präsentiert und andererseits als ein Netzwerk vieler Individuen, jedes in seiner Eigenart spielend, zwischen denen der Zuhörer wandeln kann.

ting II ist ein Spiel mit der Natur. Da diese ein Lebewesen ist, das nicht einfach nur zu nutzen ist, hängt die Realisation von ihrer sensiblen Zu"stimmung" ab: mit Wind und Wetter äußert sie ihre Bereitschaft.